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Tierwelt - Der Haussperling (Passer domesticus)

Der Haussperling - Vogel des Jahres 2002

Dass gerade der Haussperling – ein gewöhnlicher Spatz – zum Vogel des Jahres 2002 gekürt wurde, erscheint auf den ersten Blick grotesk. Vieles jedoch spricht dafür, auf diese interessante Vogelart aufmerksam zu machen. Haussperlinge (Passer domesticus) gehören zur Familie der Webervögel (Ploceidae). Die Gattung der Sperlinge (Passeridae) umfasst davon weltweit 36 Arten. In Brandenburg kommt neben dem Haussperling nur noch der etwas weniger bekannte Feldsperling (Passer montanus) vor. Zweimal konnten sogar Mischlinge beider Arten nachgewiesen werden.

Der Spatz ist hierzulande vielleicht die bekannteste Vogelart. Auf Bahnhöfen oder an Imbissständen hüpfen sie frech unter Bänken und Tischen umher und suchen nach verwertbaren Brotkrümeln. Haussperlinge kommen in nahezu jeder Region Brandenburgs vor. Optimale Lebensbedingungen finden sie in der Nähe landwirtschaftlicher Betriebe, an Gehöften mit Kleintierhaltung (Hühner, Enten, Tauben), in zoologischen Gärten, in Gartenstädten, in Stadtzentren mit größeren Parkanlagen. Voraussetzung für eine dauerhafte Besiedlung ist die Verfügbarkeit von (Körner)nahrung. Die Vögel bevorzugen Samen von Gräsern und Getreide.

Die Haussperlinge sind eher unauffällig gefärbt, wobei die Männchen etwas kontrastreicher als die Weibchen und die Jungvögel gezeichnet sind. Der typische Ruf ist ein monotones, einfaches Tschilpen. Einige Sperlingsmännchen versuchen, die Rufe von Stubenvögeln, etwa die der Sittiche, zu imitieren und bringen dabei mitunter recht durchdringende und aufdringliche Töne hervor. In Aufregung geratene Spatzenverbände verfallen in ein lautes Zetern, was in Verfolgungsflügen und Balgereien meist am Boden oder in einer Hecke endet. Weniger bekannt sind die trillernden Warnrufe, die beispielsweise beim Erscheinen eines fliegenden Greifvogels hervorgebracht werden.

In Städten sind Haussperlinge nahezu Allesfresser, die selbst Pommes Frites nicht verschmähen. Nestlinge werden aber fast ausschließlich mit Insekten gefüttert. Die Nester werden zumeist in Gebäudenischen angelegt. Nicht selten brüten die Vögel auch in Straßenlaternen oder sie sind Untermieter in Storchennestern. Nistkästen werden besonders gern besiedelt, wenn sie an Gebäuden oder in unmittelbarer Nähe derselben an Bäumen angebracht sind. In Einzelfällen finden sich auch freistehende Nester in Hausbegrünungen oder auf Bäumen.

Haussperlinge sind gesellige Wesen und neigen bei entsprechendem Nistplatzangebot zum kolonieartigen Brüten. Die Brutzeit setzt Mitte April mit der Revierbesetzung ein und kann bis in den August andauern. Man kann von drei regelmäßigen Jahresbruten ausgehen. Da jedoch viele Bruten scheitern, zum Beispiel wegen Übernahme des Nestes durch fremde Sperlinge, kommt es zu wesentlich mehr Brutversuchen im Jahr. Im Regelfall werden 4–6 Eier gelegt, die etwa 12 Tage bebrütet werden. Mit 17 Tagen sind die Jungen flügge und werden außerhalb des Nests noch einige Tage, insbesondere vom Männchen begleitet.

Das Paarverhalten weist einige Besonderheiten auf. Während nämlich ein nicht geringer Anteil der Männchen trotz Revierbesetzung unverpaart bleibt, haben andere gleich bis zu drei Weibchen. Haussperlinge werden selten älter als 4–5 Jahre. Von einem in der Uckermark untersuchten Brutbestand verschwanden 80 % der Jungvögel bis zur ersten Brutsaison. Von den Altvögeln schaffte es hingegen ein Drittel, im nächsten Jahr noch einmal zu brüten. Untersuchungen in Brandenburg haben gezeigt, dass junge Sperlinge Wanderungen bis zu 100 km unternehmen können. Das berechtigt zu der Annahme, dass doch mehr als 20 % der Jungvögel das erste Winterhalbjahr überleben, nur eben an einem anderen Ort. Im Sommerhalbjahr sind oft Ansammlungen von mehreren hundert Haussperlingen zu beobachten und auch im Winter sind die Spatzen sehr gesellig. In einer Milchviehanlage im Havelland konnten durch Beringung mehr als 1.000 Haussperlinge innerhalb eines Jahres als Besucher nachgewiesen werden. Dennoch betrug die Zahl der gleichzeitig anwesenden Spatzen nur wenige Hundert.

Bis Mitte des vergangenen Jahrhunderts wurden Haussperlinge als Schädlinge stark verfolgt. Ihre Vorliebe für Getreidekörner wurde den Vögeln zum Verhängnis. Heute spielen die Verluste durch Vogelfraß kaum noch eine Rolle, denn die Sperlingsbestände sind in ganz Mitteleuropa deutlich rückläufig. Dafür gibt es mehrere Ursachen. In den Großstädten gibt es immer weniger unbebaute Grünflächen. Mit zunehmender Versiegelung der Flächen sank die Verfügbarkeit der Nestlingsnahrung, so dass immer weniger Sperlinge flügge wurden. Im Osten Deutschlands wirkte sich sogar die politische Wende seit Anfang der 90er Jahre auf die Entwicklung des Haussperlingsbestandes aus. Bereits 1991 begannen die Bestände lokal zu sinken. Auslöser war der Wegfall des Futterdeputats in der dörflichen Kleintierhaltung. So wurde vielerorts die individuelle Kleintierhaltung aufgegeben und somit war die ganzjährige Verfügbarkeit von Körnernahrung nicht mehr gegeben. Insgesamt sank der Sperlingsbestand in Brandenburg bis Ende der 90er Jahre auf etwa 50, teilweise sogar auf 30 Prozent und scheint nun auf diesem Niveau zu stagnieren.

Bei der Erstellung der Roten Liste der Brutvögel Brandenburgs wurde der Haussperling 1997 als im Bestand rückläufig, jedoch nicht als gefährdet eingestuft. Immerhin brüten in Brandenburg noch etwa 500.000 bis 800.000 Paare, bundesweit sind es 5 bis 11 Millionen Brutpaare. Nach dem Buchfink ist der Haussperling die zweithäufigste Brutvogelart in Brandenburg. In vielen großen Städten Mitteleuropas ist aber ein starker Rückgang des Haussperlings belegt. Im Vergleich zur Situation in der Mitte des vorigen Jahrhunderts sind manche Gebiete heute nahezu spatzenfrei.

Bestandslimitierend wirken offensichtlich weniger die natürlichen Feinde des Sperlings als die Veränderungen in seinem Lebensraum. Sperber, Hauskatze und Steinmarder, gelegentlich auch die Schleiereule und der Turmfalke stellen dem Spatzen zwar intensiv nach, aber die wesentlichen Gründe für den Rückgang des Haussperlings sind in der Verfügbarkeit seiner Nahrung zu sehen. Neben dem starken Rückgang der Kleintierhaltung trugen auch Erntetechnik und selektiv wirkende Pestizide dazu bei. Transportbedingte Verluste von Getreidekörnern werden immer geringer. Der gestiegene Fahrzeugverkehr kostet vielen Sperlingen das Leben, da sie versuchen, Nahrung von der Straße aufzupicken und dabei überrollt werden. Zudem bewirken umfangreiche Sanierungsmaßnahmen an alter Gebäudesubstanz und eine nahezu nischenfreie Bauweise heutiger Haustypen, dass Haussperlinge unter Nistplatzmangel leiden. Darüber hinaus gibt es in unseren gepflegten Gärten immer weniger Insekten, die für die Aufzucht der Jungvögel unentbehrlich sind.

Der Rückgang des Haussperlings ist bezeichnend für die Verarmung des natürlichen Umfelds. Nistkästen allein werden den Haussperling langfristig nicht retten. Notwendig ist neben den Nistmöglichkeiten auch die biologische Vielfalt in Gärten und Vorgärten zu erhalten. Wenn Gartenbesitzer keine Blattläuse mehr erdulden können, das Gras in einer Ecke des Rasens nicht zur Samenreife kommen lassen oder keinen Komposthaufen mehr anlegen, werden sie auch bald auf das Gezwitscher der Spatzen und anderer Vogelarten verzichten müssen. Das wäre doch schade, oder?

 

Letzte Aktualisierung: 16.01.2013

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Kontakt:

Landesamt für Umwelt
Abteilung Naturschutz
Referat N3
Arten- u. Biotopschutz
Staatliche Vogelschutzwarte
Tobias Dürr
Tel.: 033878/ 909913
E-Mail an: Tobias Dürr